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Mein Hochbett und ich || My Loft Bed And I – re|dis|covery by Mirijam Buschmann


Mein Hochbett und ich

Sowas wie ein Neujahrs-Beitrag

Dieses Jahr, 2021, wird für mich mit einer großen Veränderung beginnen: Ich werde für den zweiten Teil meiner Praktischen Tätigkeit im Rahmen der Therapeutenausbildung eine neue Stelle antreten, und dafür werde ich für ein Jahr aus Berlin wegziehen in einen kleinen Ort in einem anderen Bundesland. Seitdem ich von der Essstörung Abschied genommen und Gnade in mein Leben eingelassen habe, sehne ich mich nach dieser Art von Veränderung. Aus der Enge rauszukommen, an einen Ort, der mehr Ruhe und Natur bietet. Einen klaren Strich unter die Zeit der Magersucht und der Härte setzen, nicht nur innerlich, sondern auch durch äußere Veränderungen, die seitdem möglich sind. Nun reicht mir Gott diese Gelegenheit, ein Geschenk direkt vom Himmel (wie es zustande kam, war im wahrsten Sinne des Wortes himmlisch) – und so sehr ich mich von Herzen auf die neue Umgebung freue, sowohl auf den Ort als auch auf den attraktiven Job in einem christlichen Setting, so sehr spüre ich auch den intensiven Drang, am Alten festzuhalten. An den Beziehungen natürlich– aber ich werde ja nach einem Jahr zurückkommen und bis dahin mit den Menschen, die mir wichtig sind, in Kontakt bleiben. Es ist also nicht nur dieser Aspekt, und auch nicht nur die Nervosität, sondern darüber hinaus ein sich aufdrängendes Gefühl, dass ich, indem ich alte Umgebungen loslasse, einen Teil meiner Geschichte verlieren werde – speziell das Anorexie-Kapitel meiner Geschichte – und damit einen Teil von mir selber, wenn nicht gar mich selber als Ganzes.

Das klingt doch irgendwie bekannt… Genau so ging es mir damit, die Magersucht an sich loszulassen. Offensichtlich habe ich mich dadurch nicht verloren, sondern vielmehr gefunden. Aber es gibt scheinbar einen Teil von mir, der immer noch beweisen muss, dass die Magersucht echt war. Überrascht von dieser emotionalen Anhänglichkeit, habe ich festgestellt, dass sie mit dem Gefühl zu tun hat, dass viele Aspekte – Details – meiner Essstörung nie wirklich gesehen wurden. Ich habe mit verschiedenen Menschen, in privaten wie professionellen Settings, über meine allgemeinen essstörungsbezogenen Gedanken und Gefühle usw. gesprochen, und in selten Fällen über die Nahrungsmenge, die ich zu mir nahm, aber ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich die Details geteilt hätte, die den Alltag mit der Anorexie charakterisierten – die konkreten Einzelheiten meiner verqueren Essgewohnheiten, die vielen essensbezogenen Pläne und Alternativpläne in meinem Kopf, die Schwierigkeit, das Abendmahl zu nehmen (und die Male, wo ich es gar nicht konnte), die Halblügen, die eigentlich ganze Lügen waren, weil ich sie bewusst konzipiert hatte, um die Wahrheit zu verschleiern, und so viel mehr. Ich bin mir gar nicht mehr sicher, ob ich nicht darüber sprechen wollte oder einfach nicht wusste, wie ich solche Themen anbringen könnte. Wahrscheinlich am Anfang das Nicht-Wollen, später dann das Nicht-Können. Aber Fakt ist: Die einzigen Zeugen von zumindest den meisten dieser Details sind mein Zimmer und die Möbel. Der Spiegel, der mir so oft zum Body Checking diente und in dem ich meine Gewichtsschwankungen genauestens überwachte. Der Kleiderschrank, der Kleidung beinhaltete, die zu meinem jeweiligen Gewicht passte. Die Lampe, die meine Verhaltensweisen und emotionalen Ausbrüche beleuchtete. Der (Schreib-)Tisch, der bizarre Essensanordnungen auf der Tischfläche trug. Und am allermeisten das Bett, mein Hochbett – ein Kindheitstraum, den ich mir als Erwachsene erfüllt hatte. Das Hochbett, auf dem ich oft mit hungrigem Magen lag, reizbar und schlecht gelaunt, aber verliebt in das leere Gefühl. Das Hochbett, auf das ich zu anderen Zeiten mit Bauchweh und Blähungen lag, oder mit einer tiefen Erschöpfung, die jede Bewegung unglaublich anstrengend machte, und immer mit den penetranten Gedankenkreiseln um Essen und Gewicht, den zahllosen Plänen, wie ich den nächsten Tag mit so wenig Essen wie möglich überstehen könnte, der Qual, innerlich zerrissen zu sein zwischen meinem Willen und Gottes Willen. Das Hochbett, das miterlebte, wie ich es liebte, meine Knochen zu spüren, oder wie ich es hasste, meine „dicken“ Oberschenkel wahrzunehmen. Das Hochbett, das viele Nächte voller Tränen ertrug. Das Hochbett, das so viele Gebete hörte, so oft mein Flehen „Herr, lass mich nicht abrutschen“ (vergleiche Psalm 94,18 in der Bibel), meistens wenn ich schon mitten in einer neuerlichen Talfahrt in die Tiefen der Essstörung drinsteckte; oder „Denn Gott ist es, der in euch wirkt sowohl das Wollen als auch das Vollbringen nach Seinem Wohlgefallen“ (Philipper 2,13 in der Bibel) – das Gebet, das ich immer wieder betete, weil ich zu gespalten war, um Gott tatsächlich darum zu bitten, mich zu heilen.

Ich weiß, es ist nur ein Bett. Ich werde meine Geschichte nicht wirklich verlieren, und auch nicht meine Identität, wenn ich dieses Bett weggebe. Ich werde nicht den „Beweis“ verlieren, dass meine Anorexie echt war. Nichts davon wird passieren. Die extreme Anhänglichkeit an das Bett und den Rest der Möbel offenbart, dass es noch immer Aspekte der Magersucht gibt, die ich festhalte – auf sehr subtile Weise, nicht durch sichtbares Verhalten, aber im Sinne von unbewussten (bzw. jetzt bewussten) Bindungen an die Vergangenheit. Aus dieser Perspektive ist es umso besser, dass ich diese Bindungen jetzt kappen werde, damit ich die alte Identifikation mit der Magersucht nicht stärke. Vielleicht wird es sich eine Zeit lang so anfühlen, als würde ich meine Geschichte verlieren, aber dann wird das Gefühl vorübergehen, und ich werde einen weiteren Schritt in die Freiheit gemacht haben.

Das ist mein Start ins Jahr 2021 – ein Jahr, das zwar nicht mit echten Feuerwerken eingeläutet wurde, das aber dafür ein Feuerwerk an Neuheit, Veränderung und Chancen mitbringt. Wie auch immer der Start und die Fortsetzung von 2021 für dich aussehen mögen – ich wünsche dir ein reich gesegnetes Jahr, in dem du deine eigenen, vielleicht ähnlich unerwarteten, Schritte in neue Freiheitsdimensionen unternimmst!

bunk-bed

(Bilder:

– 2021 skyline: Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

– Rest der Fotos: aufgenommen mit meiner schrecklichen Smartphone-Kamera 🙈

– Collage und Graphik kreiert mit Canva: https://www.canva.com/ )


My Loft Bed And I

Something like a New Year’s entry

This year, 2021, is going to start with a big change for me: I will begin a new job as part of my training as psychological therapist, and for that, I will move away from Berlin for a year, to a small town in a different federal state. Ever since my recovery and learning to allow grace into my life, I have been yearning for this kind of change. To get away from the narrow confines, to a place that would offer more calmness and nature. To draw a clear line under the time of anorexia and harshness not only inwardly, but also through outward changes that became possible then. Now God is handing me this opportunity, a present straight from heaven (literally – the way it came about was definitely heavenly) – and as much as I do look forward to the new surroundings, both the town and the attractive job in a Christian setting, I also feel the intense urge to hold on the old. The relationships, of course – but I will return after a year, and until then stay in touch with people. So it’s not just that and not just nervousness, either, but beyond those a powerful sense that, by letting go of old surroundings, I will lose part of my story – specifically the anorexia chapter of my story – and thereby part of myself, if not myself as a whole.

Doesn’t that sound familiar… That was exactly how I felt about letting go of anorexia itself. Obviously, I did not lose myself, but found myself. But apparently there is a part of me that still needs to prove that my anorexia was real. Surprised about this immense emotional attachment, I realized that it is to do with the feeling that many aspects – details – of my eating disorder were never really seen. I talked to people, both in private and professional settings, about my general thoughts and feelings and so on, and in rare cases about the amount of food I was consuming, but I can’t remember sharing the details that characterized everyday life with anorexia – the specifics of my warped eating habits, the amount of eating plans and alternative plans in my head, the difficulty of taking Communion at church (and the times when I just couldn’t), the half-lies that were in truth complete lies because they were consciously designed to disguise the truth, and so much more. I don’t remember if I didn’t want to talk about these things or if I just didn’t know how to bring them up. Probably, it was not wanting to in the beginning and later became not being able to. But the fact is: The only witnesses of at least most of these ED-related details are my room and the furniture. The mirror in which I did so much body checking and closely observed my weight losses and gains. The closet that contained clothes in accordance with my size at each point of time. The lamp that illuminated my behaviors and emotional outbursts. The desk / table that held bizarre food arrangements. And most of all the bed, the loft bed – a childhood dream I had allowed to come true as an adult. The loft bed upon which I lay with a hungry stomach, in an irritable mood but loving the empty feeling. The loft bed upon which, at other times, I lay with stomach aches and bloating, or with that deep exhaustion that made every move incredibly difficult, and always with the penetrating food and weight thoughts, spinning like a relentless merry-go-round. The countless plans to survive the next day with as little food as possible, and the agony of being torn apart between what I wanted and what God wanted. The loft bed that witnessed how I loved being able to feel my bones or loathed the “fatness” of my thighs. That bore many nights of tears and crying. The loft bed that heard so many prayers, so many times “Lord, keep my foot from slipping” (compare Psalm 94:18 in the Bible), often when I was already allowing myself to slip into further depths of the eating disorder once more; or “For it is God who works in you to will and to act in order to fulfill His good purpose” (Philippians 2:13 in the Bible) – the prayer I would constantly pray because I was too torn apart to actually ask God to heal me.

I know, it’s just a bed. I won’t really lose my story, and with it my identity, by giving this bed away. I won’t lose the “proof” that my anorexia was real. None of this will happen. This extreme attachment to the bed and the rest of the furniture reveals that there are still aspects of anorexia I am holding on to – in a very subtle way, not through visible behaviors, but through subconscious bonds to the past (which have now become conscious). From this perspective, it is all the better that I will sever these bonds now, so that I won’t strengthen the old identification with anorexia. It may feel like losing my story for a while, but then the feeling will pass, and I will have taken another step into freedom.

That’s my start into 2021 – a year that, though it was not rung in with actual fireworks, is bound to bring a firework of newness, change and opportunities. Whatever your start and continuation of 2021 may look like, I wish you a very blessed year, and may you be able to take your own, perhaps equally unexpected, steps into new dimensions of freedom!

bunk-bed

(Images:

– 2021 skyline: image by Gerd Altmann on Pixabay

– Rest of the photos: taken with my terrible smartphone camera 🙈

– Collage and graphic created with Canva: https://www.canva.com/ )



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